Natur und Kultur in Zeiten der ökologischen Krise

Ein Plädoyer für den Erhalt von Biodiversität und Ökosystemen

Autor: Carsten Hobohm

Rezensiert von Petra Pettmann M.A.

Abb. Cover: oekom

Das im September 2021 bei oekom, München, erschienene Buch Natur und Kultur in Zeiten der ökologischen Krise von Carsten Hobohm hat mich von der ersten bis zur letzten Seite fasziniert. Besonders, da es aktuelle Themen wie den Klimawandel und menschliches Tun umfassender und kritischer beleuchtet, als gemeinhin üblich. So wird auch die Bedeutung von Worten wie „nachhaltig“, „Landschaft“, „Wildnis“, „Wald“, „Natur“, „Kultur“, oder „Klima“ klüger und tiefgreifender reflektiert, als viele unserer Zeitgenossen, Wissenschaftler, Medienkollegen und Politiker es derzeit leichtfertig tun. Erfrischend auch der Mix an neutraler Wissenschaftlichkeit und persönlicher scharfsinnig-humorvoller Meinung des mittlerweile emeritierten Professors der Umweltwissenschaften, der seit 2006 bis September 2021 als ordentlicher Professor mit wissenschaftlichem Schwerpunkt der Ökologie, Biogeographie und Umweltwissenschaften der Universität Flensburg lehrte und heute mit Familie in Lüneburg lebt. Auch die Abschiedsvorlesung im Oktober 2021 an der Uni Flensburg hatte das Thema „Natur und Kultur in Zeiten der ökologischen Krise“.

Prof. Dr. rer. nat. habil. em., Dipl. Biol. Carsten Hobohm, Autor von „Natur und Kultur in Zeiten der ökologischen Krise“. Foto: oekom

Zum Buch:

Doch worum geht es genau? Der Untertitel verrät es uns: „Ein Plädoyer für den Erhalt von Biodiversität und Ökosystemen“ steht da. Doch das ist lange nicht alles. Der Autor stellt sich und uns die Frage, wie wir mit unserer Umwelt in Zukunft umgehen möchten oder sollten. Und regt so jeden einzelnen zum reflektierten Nachdenken und Handeln an. Vieles wird in Frage gestellt und von verschiedenen Blickwinkeln hinterfragt. Im Fokus steht unser Verhältnis zur Natur und zur Kultur. Begriffe, die an sich bereits schwierig sind, da sie vielseitig interpretiert werden können. Fakt ist, dass die Zerstörung von Ökosystemen erhebliche Risiken für die Gesundheit und das soziale Leben der Menschen birgt. Hier einen Zusammenhang darzustellen und die Ursachen zu beleuchten, war Leitmotiv des Umweltwissenschaftlers.

Der Autor will nicht nur auf die prekäre Situation in der Natur hinweisen, sondern generell unser eingefahrenes Denkschema durchbrechen. So werden überraschend für den Leser auch Themen angeschnitten, die man in einem solchen Buch nicht vermuten würde. Dies ist vermutlich der Persönlichkeit und Ausbildung des Autors geschuldet, denn Carsten Hobohm (*1957) studierte nicht nur Biologie, Physik, Chemie, Geologie und Paläontologie und promovierte über Vegetationsökologie und Pflanzengemeinschaften, seine Nebenfächer Philosophie und Bodenphysik zeigen zudem, dass sich Naturwissenschaft mit Geisteswissenschaft interdisziplinär verknüpfen lassen und so den Menschen dazu befähigen Sachverhalte aus einer Meta-Ebene zu betrachten, die vielen Schmalspur-Akademikern leider fehlen. Mich als Geschichts- und Naturwissenschaftlerin als auch Wirtschaftsjournalistin freut es daher sehr, solche Zeilen zu lesen.

Insgesamt acht Kapitel behandeln das Thema, wobei der Autor nach einer an mancher Stelle verwirrenden Einführung vom Blick in die Vergangenheit über Begriffe wie Natur und Natürlichkeit, Landschaften und Ökosysteme, zu Wirtschaft, Politik und Umweltvorsorge schweift und bei Sprache, Kommunikation und Bildung endet. Teils fragt man sich beim Lesen, warum die Kapitel so angeordnet sind und warum teils skurrile Themen aufgegriffen wurden. Dies aber liegt im Ermessen eines jeden Autoren und im Großen und Ganzen liest sich das Buch dann doch flüssig. Unpassend finde ich das Coverbild mit Küstenlandschaft, da im gesamten Buch kein Bezug auf diese genommen wird und der Leser sich fragt, was es mit dem Thema zu tun haben könnte.

Nicht nur den CO2-Ausstoß und den Klimawandel sieht Hobohm als ernst zu nehmendes Problem. Zu den seit langem kaum lösbaren Problemen gehört für ihn das Wachstum der Weltbevölkerung mit den zugehörigen Problemen in der Grundversorgung und dem Raubbau an den Ökosystemen (S. 191 f.). Diese bezeichnet Hobohm als „voll gegen die Wand rasende Entwicklung“ (S. 192) und fordert die Politik dazu auf, sich nicht nur medienwirksamen Themen zu widmen und eigene Ziele zu verfolgen, sondern das Kernproblem zu erfassen.

Zwischen den Zeilen lese ich folgende Kernfragen, zu denen Antworten zu finden der Autor uns anregen möchte: Was ist unser Verhältnis zur Natur und zur Kultur? Verstehen und nutzen wir die Begrifflichkeiten richtig? Oder plappern wir nur Marketing-Sprech und politisch getränkte Begriffe unreflektiert nach? Wo liegt die Grenze der Belastbarkeit von Landschaften? Ist unser Weg ethisch korrekt? Sind wir auf dem richtigen Weg? Oder müssen die Begrifflichkeiten und Ziele neu geordnet werden, damit der Planet Erde uns (er)trägt?

Für mich ist folgender Abschnitt eine Kernbotschaft des Autors. Auf Seite 193 f. schreibt Hobohm: „Wenn es global kritisch wird, können Menschen nicht mehr in andere Regionen ausweichen, um dort ihr Glück zu versuchen und den Fortbestand der Gruppe oder Ethnie zu sichern. Und darum wird erst die Generalprobe, die gleichzeitig die Uraufführung sein wird, zeigen, ob der Mensch es schaffen kann, kultiviert oder sogar gut gelaunt mit dem Populationsrückgang umzugehen oder ob es Mord und Totschlag geben wird. Die aktuellen Kriege, Konflikte, Wanderungsbewegungen und der große Anteil von Menschen die derzeit nur ungenügend mit Nahrung oder Wasser versorgt sind, verheißen derweil nichts Gutes. Dennoch, eine Stagnation und der Rückgang der Weltbevölkerung wird irgendwann kommen, je früher, desto besser für alle, vor allem für die Generationengerechtigkeit, Umwelt und Artenvielfalt. Es wäre sicherlich sinnvoll sich darauf vorzubereiten, und das heißt insbesondere, Vorsorge zu treffen. Eine Weltwirtschaft, die auf permanentem Wachstum beruht, ist ohnehin nur eine absurde Idee. Wir leben nicht auf Kosten der Zukunft, sondern auf Kosten der Vergangenheit, in der sich in vielen Millionen Jahren Kohle, Öl, Gas Torflager und andere Ressourcen in den Gesteinen und Böden angereichert haben. Man kann ein Brot, das noch nicht gebacken ist, nicht essen. Wie könnte die Welt makroökonomisch funktionieren, wenn es kein Wirtschaftswachstum mehr gäbe? Wie ist es möglich, dass Ökonomen das Wirtschaftswachstum noch immer als vernünftige und beuhigende Angelegenheit betrachten? >>Der Rat der Wirtschaftsweisen prognostiziert für das nächste Jahr wieder ein Wachstum von … <<, Was ist daran weise, was wäre der Rat für die Umwelt und wer möchte das noch hören?“

Damit spricht Hobohm aus, was viele nicht hören wollen: Wir sind zu viele Menschen auf dem Planeten. Wir Menschen sind die eigentliche Plage. Den „CO2-Ausstoß“ zu verringern mag für einige bereits „die“ Lösung zu sein, doch es gleicht einer Behandlung der Symptomatik und nicht der Ursache, die das eigentliche Problem behebt.

Auch die aktuelle Energiewirtschaft sieht Hobohm kritisch. Städte und Siedlungen wüchsen weltweit auf Kosten von vormaligem Ackerland. Ernährung steht in Konkurrenz mit Energieversorgung, fossiler als auch erneuerbarer Energie. Er schreibt auf Seite 231: „Unter dem Deckmantel des Klimaschutzes wurden Agrarlandschaften zu Produktionsstätten regenerativer Energien umgestaltet.“ Und: „Der Ausstoß von CO2 und anderen Treibhausgasen in Deutschland ist global betrachtet für das Klima allerdings ziemlich unbedeutend. Der Wandel in der Landnutzung und die Bedrohung der Biodiversität haben im Gegensatz dazu rapide Fahrt aufgenommen, und die Auswirkungen der industriellen Landwirtschaft und des Imports und Exports landwirtschaftlicher Produkte und Düngemittel auf die Landnutzung sind dabei keineswegs unbedeutend. Industrienationen, auch Deutschland, spielen als Global Player eine zentrale Rolle mit Fernwirkungen bis in die hintersten Winkel der Tropen. Kurzum, der zunehmende Anbau von Energiepflanzen und der Ausbau der Erzeugung regenerativer Energie durch Biogasanlagen und Windparks auf dem Festland ist auf umweltschonende Art und Weise und ohne negative Effekte in Bezug auf die Schutzgüter der Umwelt in der Landschaft nicht zu bewerkstelligen.“

Es kommt also auf die Komposition der Fakten, die besonders betont werden, und solcher, die nur selten genannt werden, an. Seriöse Wissenschaftler, Politiker und Journalisten bringen Fakten. Nur welche? Hobohm schreibt dazu auf Seite 258 f.: „…selbstverständlich verkaufen sich die Zukunft, Katastrophen und Kipppunkte besser als Durchschnittswerte und die Gegenwart, auch in der Wissenschaft. Mit vom Mainstream ignorierten empirischen Daten, die eher keine Katastrophe signalisieren, kann man gegen häufig wiederholte Warnungen und Prognosen deshalb auch kaum Gehör finden. Und doch gibt es sie. Und auch sie sind wissenschaftlich hinreichend belegt.“

Als Beispiel nennt der Autor auch „Fridays for Future“, die den Blick massiv in die Zukunft richten, mit Blick auf die Erderwärmung und alles, was damit zusammenhängt. Der der Nachhaltigkeit innewohnende Ausschluss zeitlicher Begrenztheit steht im Widerspruch mit „Smal is beautiful“, mutet übermenschlich an, weil es über das menschliche Maß hinausgeht. Menschen denken meist nicht über die nächste Generation – die ihrer eigenen Kinder – hinweg. Die Unendlichkeit hingegen macht ihnen Angst. Hobohm stellt nun exemplarisch die Frage, was Klimagerechtigkeit oder das Grundrecht auf Wasser konkret für ganz unterschiedlich dicht besiedelte Gebiete in den feuchten Tropen, in den Wüsten, an den Küsten, in den Auen der Tieflagen und in den Hochgebirgen der Erde unter Berücksichtigung der vollkommen unterschiedlichen traditionellen Gepflogenheiten im Umgang mit Wasser und den Unbilden des Lokalklimas bedeuten. Und fragt ironisch, ob alle Menschen dasselbe Recht zu „duschen und sich mit einer Elektrozahnbürste die Zähne zu putzten“ hätten. Sein Fazit: Der hegemoniale Anspruch der Nachhaltigkeitsdebatte sei mindestens ermüdend, wenn nicht gelegentlich ärgerlich oder gar bedrohlich. Die Kombination dieser gebetsmühlenartig verwendeten Ausdrücke wie „Menschheitskatastrophe“, „Jahrhundert“ und „global“ sieht Hobohm als Mittel um Szenarien zu bekräftigen und Aufmerksamkeit zu erzeugen, in Kombination der „größten globalen Menschheitskatastrophe des Jahrhunderts“ allerdings als unlauter, da sie sehr viele Möglichkeiten ignoriert und das Spektrum bestimmter Umweltauswirkungen in hegemonialer Weise bündelt.

„Das größte Umweltproblem der Menschen war stets, ist und wird nach dem Gesetz der Serie die Quantität und Qualität des Wassers sein – jedenfalls gemessen an der Mortalitätsrate“, schreibt Hobohm auf Seite 279. Für die Biodiversität und Ökosysteme seien jedoch menschliche Aktivitäten in den Ökosystemen summa summarum eine kontinuierlich wachsende Katastrophe.

Hobohm warnt, dass die auf den Zusammenhang von Klima, Energie und Mensch eingeschränkte Sichtweise dem Anspruch nicht genügen kann, die bereits jetzt virulenten Umweltprobleme auch nur annähernd überblicken und entsprechend handeln zu können. Prognosen zu den konkreten Auswirkungen des Klimawandels bedürften einer stärkeren Unterfütterung mit empirischen Daten der Ökosystemforschung und entsprechender Auswirkungen der Landnutzung. Er kommt zum Schluss, dass der „Klimaalarm“ keineswegs zu laut, aber zu eng angelegt sei. Eine umfassende Beurteilung ökologischer Prozesse sei dringend geboten, um die tatsächlichen Auswirkungen besser einschätzen zu können. Und fordert die Politik im Sinne effektiver Umweltpolitik dazu auf den Wirtschaftsliberalismus konsequent in seine Schranken zu weisen, da ökonomische Vorgänge der wichtigste Treiber von Veränderungen in der Natur seien. Freie Marktwirtschaft sei nicht das Gegenteil von Planwirtschaft. Das Gegenteil von Planwirtschaft sei Wirtschaften ohne Plan.

Ich hätte Lust dazu noch viele weitere aussagekräftige Passagen im Buch zu zitieren, doch besser ist es natürlich, wenn Sie das Buch selbst lesen. Und zwar von Anfang bis zum Ende. Mit Zeit. Kapitel für Kapitel. Langsam und bedacht. Denn gerade im hinteren Teil des Buches häufen sich die Erkenntnisse, werden Blickwinkel offenkundig, die sich lohnen reflektiert zu werden. Vorbildlich auch die jedem Kapitel folgenden Angaben von Quellen und weiterführenden Schriften.

Mein Fazit: Absolut lesenswert! Das Buch schärft die eigene Wahrnehmung der Problematik und trägt so dazu bei, Begrifflichkeiten kritisch zu reflektieren, zu hinterfragen und sich dessen bewusst zu werden, welche Schritte konkret zu gehen sind.  

Leseprobe: https://www.oekom.de/_files_media/titel/leseproben/9783962383251.pdf

Informationen zum Buch:

Autor: Prof. Dr. rer. nat. habil. em. Carsten HobohmNatur und Kultur in Zeiten der ökologischen Krise
Quelle:Verlag oekom, München
Erscheinungsdatum:September 2021
Preis:26,00 €
Seitenzahl:Softcover, 336 Seiten, auch als E-Book erhältlich
ISBN:978-3-96238-325-1

Dies ist eine Rezension von Petra Pettmann M.A., Journalistin DJV, Archäologin, Anthropologin.

Kontakt: Pressebüro PP-Kommunikation, Marschdeich 1, 21354 Bleckede, Fon: 05852 958 7 958; Mail: presse@pettmann.de, Homepage: www.pettmann.de. Es gelten meine AGB, einzusehen auf www.pettmann.de. Die Vervielfältigung und Verwertung der Rezension, auch in Auszügen, ist ohne meine schriftliche Zustimmung nicht erlaubt. Datum der Rezension: 09.12.2021