Frankfurter Stadtphysikus Philipp Bernhard Pettmann (1726 -1790) – Goethes Cousin

Einer der Söhne Andreas Pettmann des Älteren war Philipp Bernhard Pettmann (1700 – 30.04.1760), Bürger, Bierbrauer und Gasthalter „Zum kleinen Löwen“ in Frankfurt am Main.

Dessen Sohn,

Philipp Bernhard Pettmann (17.03.1726 – 4. Mai 1790), der in Jena studiert hatte und 1751 in die Frankfurter Ärzteschaft aufgenommen worden war, war „Medicinae Doctor und Physicus primarius, wie auch Hochgräfl. Solms-Rödelheiischer Horrath und Leib-Medicus“. Er schrieb 1787 seine Dissertation über „Medica Inauguralis de Phtisi Pulmonali eiuswue Praeservatione quam (…). Die Promotion fand am 24. Juni 1787 statt (siehe Archiv Uni Göttingen, medizinische Fakultät) . Er war auch der erste Arzt, der von der Stadt Frankfurt am Main als Accoucheur – also als ärztlicher Geburtshelfer – angestellt wurde. Er wurde 64 Jahre, 1 Monat und 16 Tage alt.

Dieser war ein Neffe von Andreas Pettmann dem Älteren und der Cousin des „Dichterfürsten“ Johann Wolfgang Goethe.

Die Eltern von Philipp Bernhard Pettmann waren Johann Andreas Pettmann, geboren im Jahre 1685 in Frankfurt am Main, verstorben am 16. November 1757 im Alter von 72 Jahren in Frankfurt am Main. Auch dieser war Bierbrauermeister. Seine Mutter war Anna Sophie Rachler (1688 – 14.09.1759, Ffm). Von deren 14 Kindern erlebten nur drei – Philipp Bernhard Pettmann – eingeschlossen, das Erwachsenenalter. Dies muss ein traumatisches Erlebnis für diesen gewesen sein. Mich wundert es nicht, dass er Arzt und Geburtshelfer wurde. Und auch ledig blieb.

Philipp Bernhard Pettmann war in den Jahren 1755 bis 1767 Vorsteher des Gesundheitswesens der Stadt Frankfurt am Main. Dr. Pettmann hatte sich auch an der Universität Straßburg, wo er wie sein Cousin Johann Wolfgang Goethe studierte – in der Geburtshilfe besonders ausgebildet. Er behandelte auch die Familie Goethe als Leibarzt. Schließlich war er der Cousin von Johann Wolfgang Goethe und die Familienbande eng miteinander verknüpft.

In der Publikation „Geschichte der Pharmazie“, Ausgabe 42/3 vom November 2014 auf Seite 73 bemerkt Physikus Dr. Pettmann im Zusammenhang mit den „Frankfurter Giftmorden“ es gäbe keine Quacksalber, wenn diese sich nicht bequem in Apotheken oder bei Materialisten mit den notwendigen Substanzen versorgen könnten.“

Bei Geschlechtskrankheiten wurde von Hebammen Quecksilberpräparate angewandt. Oft mit tödlichen Folgen. Schon damals gab es tragische Todesfälle, so etwa als die vier Kinder von Balthasar Streng aus Sachsenhausen 1781 auf der Straße ein weißes Pulver fanden, hielten sie es für Zucker, streuten es auf ihr Brot und aßen davon. Alle bekamen heftige Leibschmerzen, starken Durchfalll und erbrachen sich, zwei von ihnen starben. Bei der Obduktion wurde Arsenik festgestellt. Die Kinder waren an mit Zucker und Mehl gemischtem Rattengift gestorben, dessen Herkunft nicht ermittelt werden konnte.

Leider fehlt in den Berichten der Senkenbergischen Naturforschenden Gesellschaft von 1898 in „Die Portraitsammlung der Dr. Senkenbergischen Stiftung“ sein Portrait. Auf Seite 145 heißt es: „Vom Jahre 1658, also 10 Jahre nach Beendigung des 30-jährigen Krieges ab, bis zum Jahre 1851 fehlen uns nur vier Porträts von Vorstehern des Sanitätsamtes, nämlich: die Ärzte Johann Caspar Sparr, der im Jahre 1694 und 1695, ornelius Gladbach, der vom Jahre 1755 bis 1781, Philipp Bernhard Pettmann, welcher von 1781 bis 1790 und Johann Christian Altenfelder, welcher von 1811 bis 1818 jene oberste Würde bekleidete.“

Mir ist klar, warum es fehlt. Philipp Bernhard Pettmann hatte aufgrund der katastrophalen Verhältnisse in Frankfurt gegenüber den Stadtvätern Klartext gesprochen und seine Anstellung selbst gekündigt. Dies war wohl Grund ihn nicht in den Reihen der Ärzte zu verewigen, zumal Johann Christian Senckenberg (1707-1772) ihn aufgrund seiner modernen Ansichten als Arzt sowieso nicht mochte.

Zu Dr. Petmanns Ansichten gibt es einen aus heutiger Sicht köstlichen schriftlich überlieferten  Briefwechsel, der auch heute noch seine Gültigkeit haben könnte.

Der Leib-Medicus Dr. Pettmann bittet um Erhöhung seines Gehalts, da ihm seine „Praxis fast ganz durch sein Amt abgeschnitten sey“. Nach einigen Jahren (1766) wiederholte er seine Bitte, sowohl sein Gehalt als auch die Taxe zu erhöhen. Das Letztere wird abgeschlagen, das erstere vom Senat bewilligt und ihm die Hälfte seines Gehaltes zugelegt, die Neuner aber schlagen diese Zulage wegen des Reichskriegs und der Münzreduction ab. Darauf bittet Pettmann in einem für meine Begriffe sehr treffenden Schreiben:

„Die Herren Neuner hätten als vernünftige Leute nicht von einer Sache urtheilen sollen, welche sie so wenig, als neun Blinde die Farbe kennen.

Wo es auf Menschenleben ankommt, darf man nicht sparen.

Da Frankfurt jährlich soviele tausend Gulden ausgibt, so werden etliche Hundert Gulden mehr, so man auf den Accocheur und eine Kindbettstube wenden könnte, solches nicht in das Verderben stürzen.

Es scheint, als wenn man hier glaube, dass Handel und Wandel ohne Gesundheit bestehen könne, da man gar nichts auf medizinische Anstalten verwendet.

Denn wendet man nur im kleinen etliche hundert Gulden zu einer solchen Stube an, so würden die heimlichen Geburten meist verhindert und öfters die Kinder nicht umgebracht werden.

Es würden sodann bei einer sonst ohne diese Beihülft ohnmöglich hinlänglichen Unterweißung der Hebammen, nicht in einem Jahre zwey Kindern die Köpfe ab und in sieben Wochen zween Weibern die Mutter aus dem Leibe gerissen werden.

Sodann, ob die Gerechtigkeit nicht ebensowohl die Mordthaten bestrafen, als unschuldiges Menschenblut zu vergießen auf alle mögliche Art zu verhindern suchen solle.

Und endlich, ob die bisherige Versäumung solcher gemeinnützigen Anstalten mit zu der von Ihr. Kais. Maj. zur Zeit der Kommission (1729) anbefohlenen Verbesserung des hiesigen Medizinalwesens gehöre?

Damit ich aber diese Herren völlig überzeuge, daß mir es bei der ehemaligen Vorstellung nicht um das Geld zu thun gewesen, so will ich vor meine bisher fast unbeschreibliche Last, da ich soviel Jahre allein Accoucheur war, sowie man gewöhnlich hier Redlichkeit und wahre Verdienste bezahlet, nichts und dafür schlechterdings meine Demission haben.

Ich habe sodann auch nicht mehr nöthig zu befürchten, daß ich bei tödtlichen Krankheiten angesteckt, bei Armen s. v. Läuse, in der Judengasse Krätze und bei Huren, wie öfters den Hebammen selbst wiederfährt, die Franzoßen bekomme. – So, Domini Novemviri! Siehet es bei dieser feinen Charge aus.

Ist es dahero billig, da der Stadtaccoucheur bei diesen Umständen öfters als der Laterneninspector Nachts die Leuchten brennen sieht, daß er mit diesem gleiches Salarium habe?“
Der Senatsbeschluß auf dieses Sendschreiben lautete, man solle diese mit ungebührlich-, unanständig- und sespectvergessenen Audrücken erfüllte Vorstellung zurückgeben und abwarten, bis der Supplicant auf eine mehr geziemende Art um seine Demission anhalten wird.

Pettmann erklärt darauf, er habe den Senat nicht beleidigen wollen, seine Feinde seyen die Neuner; und bittet nochmals um seine Entlassung, welche ihm im December 1766 gewährt wird. Zu seinem Nachfolger wird im Januar 1767 Dr. Dietz ernannt.

Literatur: Die Geschichte der Heilkunde und der verwandten Wissenschaften in der Stadt Frankfurt am Main. Wilhelm Friedrich Karl Stricker , erschienen 1847 im Verlag Keßler.

 

 

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